Lexikon

Bisshöhe / Vertikale Dimension

Die Bisshöhe – in der zahnärztlichen Fachsprache die vertikale Dimension der Okklusion (Occlusal Vertical Dimension, VDO) – bezeichnet den senkrechten Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer in dem Moment, in dem die Zahnreihen im vollständigen Vielpunktkontakt stehen, also in Okklusion. Gemessen wird sie üblicherweise als Distanz zwischen zwei festen Referenzpunkten im unteren Gesichtsdrittel, etwa im Bereich der Nasenbasis und des Kinns. Davon abzugrenzen ist die vertikale Dimension in Ruhe (VDR), umgangssprachlich als Ruheschwebelage bezeichnet: die Position des Unterkiefers bei entspannter Kau- und Gesichtsmuskulatur, in der die Zähne nicht in Kontakt stehen, sondern einen kleinen Spalt zueinander lassen. Diesen Zwischenraum bezeichnet die Zahnmedizin als freies Interokklusalspatium. Beide Größen – Bisshöhe und Ruheschwebelage – bilden zusammen die Grundlage jeder prothetischen Planung, weil sich aus ihrer Differenz die individuell passende Höhe von Zahnersatz ableiten lässt.

Abgrenzung zur Ruheschwebelage

Die Ruheschwebelage ist keine feste, unveränderliche Größe. Nach aktueller Studienlage bewegt sich die physiologische Ruheposition des Unterkiefers innerhalb einer Art Komfortzone, deren Ausdehnung sich von Person zu Person unterscheidet und die sich im Lauf des Lebens – etwa durch Alterung, veränderten Muskeltonus oder gesundheitliche Faktoren – verschieben kann. Das freie Interokklusalspatium, also der Abstand zwischen Ruheschwebelage und Bisshöhe, liegt bei den meisten Menschen im Mittel bei rund drei Millimetern; Untersuchungen an gesunden Erwachsenen fanden dabei allerdings eine erhebliche individuelle Bandbreite von etwa ein bis neun Millimetern. Für die zahnärztliche Praxis bedeutet das: Einen einheitlichen Normwert, der unabhängig von der einzelnen Patientin oder dem einzelnen Patienten übertragen werden könnte, gibt es nicht – die individuelle Bisshöhe muss stets patientenbezogen bestimmt werden.

Schematischer Vergleich der Ruheschwebelage (Zähne ohne Kontakt, mit Interokklusalspatium) und der Bisshöhe in Okklusion (Zähne in vollständigem Kontakt)
Ruheschwebelage (VDR) und Bisshöhe in Okklusion (VDO) im schematischen Vergleich: Der Abstand dazwischen ist das freie Interokklusalspatium.

Physiologische Bedeutung

Die korrekte Bisshöhe hat unmittelbaren Einfluss auf das Zusammenspiel von Kaumuskulatur, Kiefergelenk und Zahnhalteapparat. Weicht die vertikale Dimension deutlich von der individuellen Ruheschwebelage ab, muss die Muskulatur ihre funktionelle Arbeitslänge anpassen, was zu Beginn zu einer veränderten muskulären Beanspruchung führen kann. Systematische Übersichtsarbeiten zur Sicherheit und Verträglichkeit von Bisshöhenveränderungen beschreiben zwar vereinzelt vorübergehende Beschwerden, stufen diese aber überwiegend als selbstlimitierend ein. Der lange vermutete direkte ursächliche Zusammenhang zwischen einer veränderten vertikalen Dimension und chronischen Kiefergelenkbeschwerden gilt nach neueren Übersichtsarbeiten als wissenschaftlich nicht belegt; die Anpassungsfähigkeit des stomatognathen Systems wird in der aktuellen Literatur deutlich höher eingeschätzt, als lange angenommen wurde.

Neben der Funktion prägt die Bisshöhe auch die Gesichtsästhetik. Studien, die eine kontrollierte, künstliche Anhebung der Bisshöhe bei bezahnten Probandinnen und Probanden untersucht haben, zeigen, dass bereits eine Veränderung um wenige Millimeter die untere Gesichtshöhe, die Lippenstellung und den Winkel zwischen Nase und Oberlippe messbar verändert – Effekte, die sowohl von zahnärztlichem Fachpersonal als auch von Laien in kontrollierten Untersuchungen zuverlässig wahrgenommen wurden. Da es sich um dieselbe anatomische Beziehung handelt, wirkt sich folgerichtig auch ein Verlust der Bisshöhe in umgekehrter Richtung auf die Gesichtsproportionen aus: Das untere Gesichtsdrittel kann verkürzt erscheinen, die Lippen können einfallen, und der Abstand zwischen Nasenspitze und Kinn wirkt reduziert.

Ursachen

Ein Verlust der Bisshöhe entwickelt sich in aller Regel schleichend über Jahre und wird von Betroffenen häufig nicht bewusst wahrgenommen. Zu den wichtigsten Ursachen zählt der fortschreitende Zahnhartsubstanzverlust durch Attrition, Abrasion und Erosion: Nutzen sich die Zahnkronen im Lauf des Lebens ab, verkürzt sich die Zahnhöhe und damit auch die Bisshöhe, sofern die betroffenen Zähne nicht kompensatorisch nachwachsen. Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben Zahnabnutzung als ein weltweit häufiges, vielen Betroffenen aber nicht bewusstes Phänomen mit mehreren, sich häufig überlagernden ursächlichen Faktoren – mechanischer Verschleiß ebenso wie chemische Erosion, etwa durch gastroösophagealen Reflux oder wiederkehrenden Säurekontakt.

Ein zweiter wesentlicher Faktor ist umfangreicher Zahnverlust, insbesondere im Seitenzahnbereich: Fehlen mehrere Antagonistenpaare über längere Zeit, verliert der Unterkiefer stützende Kontaktpunkte und kann sich dem Oberkiefer im Lauf der Zeit weiter annähern. Auch bestehender Zahnersatz kann selbst zur Ursache werden, wenn Kunststoffzähne, Aufbissflächen oder Prothesenbasen über Jahre hinweg abgenutzt werden und dadurch schleichend an Höhe verlieren – ein Effekt, der besonders bei langjährig getragenem, nicht erneuertem Zahnersatz relevant wird.

Diagnostik

Weil es keinen einzelnen zuverlässigen Messwert gibt, der die individuell richtige Bisshöhe eindeutig festlegt, kombiniert die zahnärztliche Praxis in der Regel mehrere Verfahren. Bei noch vorhandener natürlicher Restbezahnung oder gut dokumentiertem Ausgangszustand lässt sich die ursprüngliche Bisshöhe über Verfahren rekonstruieren, die vor einem größeren Zahnverlust ansetzen: intraorale Messungen an noch erhaltenen, unabgenutzten Zähnen, die fotografische oder profilometrische Auswertung des Gesichtsprofils sowie die kephalometrische Analyse anhand von Fernröntgenaufnahmen. Auch ältere Fotografien oder erhaltene Situationsmodelle aus der Vorgeschichte können wertvolle Referenzpunkte liefern.

Ist die ursprüngliche Bisshöhe nicht mehr rekonstruierbar – etwa bei langjährigem, unversorgtem Zahnverlust oder stark abradierter Restbezahnung –, kommen ergänzende Verfahren zum Einsatz: die Bestimmung der Ruheschwebelage mit anschließender Berechnung des individuellen Interokklusalspatiums, die Beurteilung der Gesichtsästhetik im unteren Gesichtsdrittel, die Beobachtung des Schluckmusters sowie phonetische Tests, bei denen etwa die minimale Sprechdistanz bei bestimmten Lauten herangezogen wird. Solche Sprechtests erfordern methodisch geübtes Vorgehen, da einzelne Testwörter zu deutlich verzerrten Werten führen können. Übereinstimmend beschreibt die Fachliteratur alle genannten Verfahren als empirisch geprägt und einzeln betrachtet nicht ausreichend zuverlässig; erst die Kombination mehrerer Methoden ergibt eine belastbare Annäherung an die individuell passende Bisshöhe.

Klinische Auswirkungen einer abweichenden Einstellung

Weicht die tatsächlich eingestellte Bisshöhe deutlich von der physiologisch passenden vertikalen Dimension ab, wirkt sich das sowohl auf Funktion und Muskulatur als auch auf die Gesichtsästhetik aus. Die folgende Übersicht fasst mögliche Anzeichen bei zu niedriger und zu hoher Bisshöhe zusammen; sie tritt nicht bei allen Betroffenen gleich stark auf und ist im Einzelfall individuell zu beurteilen.

MerkmalBei zu niedriger BisshöheBei zu hoher Bisshöhe
GesichtsproportionenUnteres Gesichtsdrittel wirkt verkürzt, Lippen können einfallenUnteres Gesichtsdrittel wirkt verlängert, gespannte Lippenhaltung
KaumuskulaturReduzierte Kaueffizienz, mögliche Fehlbelastung einzelner BereicheMuskelverspannung und schnellere Ermüdung beim Kauen
KiefergelenkVeränderte Gelenkbelastung möglichVeränderte Gelenkbelastung möglich, meist selbstlimitierend
SpracheMeist keine wesentliche BeeinträchtigungAnfängliche Artikulationsprobleme möglich, insbesondere bei herausnehmbaren Provisorien
EingewöhnungIn der Regel keine gesonderte Anpassungsphase erforderlichEingewöhnungsphase mit muskulärer Anpassung häufig spürbar

Wichtig für die Einordnung: Die frühere Annahme, veränderte Bisshöhen seien eine häufige Ursache chronischer Kiefergelenkbeschwerden, gilt nach aktuellen Übersichtsarbeiten als überholter Mythos der restaurativen Zahnheilkunde. Vorübergehende muskuläre Beschwerden nach einer Bisshöhenveränderung sind beschrieben, klingen der Studienlage zufolge aber in aller Regel im Rahmen der muskulären Anpassung von selbst wieder ab.

Bedeutung für die Zahnersatzplanung

In der prothetischen Planung ist die korrekte Bestimmung der Bisshöhe eine der zentralen Weichenstellungen, weil sie die Grundlage für die räumliche Ausrichtung von Ober- und Unterkiefer zueinander bildet. Sie fließt unmittelbar in die Herstellung von Gegenbissmodellen und die Einstellung des Artikulators ein und bestimmt damit, in welcher vertikalen Position spätere Kronen, Brücken oder Prothesen gefertigt werden. Auch die instrumentelle Kieferrelationsbestimmung, etwa mit elektronischen Registriersystemen wie einem Cadiax-System, setzt eine zuvor plausibilisierte Bisshöhe voraus. Fehler an dieser Stelle wirken sich auf die gesamte nachfolgende Okklusion aus und lassen sich später oft nur mit erheblichem Aufwand korrigieren.

Bisserhöhung: Indikation und Vorgehen

Ist eine Bisserhöhung indiziert – etwa im Rahmen einer umfassenden prothetischen Sanierung bei ausgeprägtem Zahnhartsubstanzverlust –, gilt eine dauerhafte Anhebung der Bisshöhe nach aktueller Studienlage bei bezahnten Patientinnen und Patienten grundsätzlich als sicheres und gut vorhersehbares Vorgehen, sofern die Indikation sorgfältig gestellt wird. Gleichzeitig empfiehlt die Fachliteratur, das Ausmaß der Anhebung so gering wie möglich zu halten: Eine Vergrößerung des Schneidezahnabstands um mehr als etwa fünf Millimeter ist nur in seltenen Fällen tatsächlich notwendig, und größere Sprünge erhöhen sowohl den prothetischen Aufwand als auch das Risiko vorübergehender Beschwerden in der Eingewöhnungsphase.

Bewährt hat sich ein schrittweises Vorgehen: Die neue Bisshöhe wird zunächst über provisorische oder diagnostische Restaurationen simuliert und über einen gewissen Zeitraum funktionell erprobt, bevor die definitive Versorgung gefertigt wird – teils unterstützt durch eine Aufbissschiene, mit der sich die neue vertikale Position zunächst reversibel testen lässt. Aktuelle systematische Übersichtsarbeiten relativieren allerdings den früher als zwingend geltenden Stellenwert einer solchen Erprobungsphase: Ein belastbarer Nachweis, dass eine vorgeschaltete Testphase die klinischen oder patientenberichteten Ergebnisse tatsächlich verbessert, liegt bislang nicht vor. In der Praxis hilft die Erprobungsphase dennoch, die Erwartungen der Patientinnen und Patienten zu steuern und die Behandlungsschritte sinnvoll zu planen. Am zuverlässigsten und schnellsten gewöhnt sich das Kausystem an eine neue Bisshöhe, wenn diese über eine festsitzende statt eine herausnehmbare Restauration eingestellt wird; herausnehmbare Testvorrichtungen wurden in kontrollierten Untersuchungen häufiger mit Kaubeschwerden, undeutlicher Aussprache und ästhetischem Unbehagen in Verbindung gebracht.

Wesentlich für den Erfolg ist außerdem, dass die neue Bisshöhe über den gesamten Zahnbogen gleichmäßig eingestellt wird – eine punktuelle Erhöhung nur einzelner Zähne begünstigt einen Rückfall in die ursprüngliche, zu niedrige Position. Die eigentliche Anpassung an die neue vertikale Dimension erfolgt der Studienlage zufolge überwiegend über die Kaumuskulatur selbst, die ihre funktionelle Länge verändert; eine bleibende Neubildung von Zahnhartsubstanz oder eine relevante Neupositionierung des Kiefergelenks spielt dabei keine wesentliche Rolle. Eine zu abrupte oder zu große Bisserhöhung ohne begleitende Kontrolle kann in der Eingewöhnungsphase zu Muskelverspannungen, Druckgefühl oder vorübergehenden Kaubeschwerden führen; diese sind der Studienlage zufolge meist selbstlimitierend, sollten aber zahnärztlich beobachtet werden.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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