Lexikon
Autologes Knochentransplantat
Ein autologes Knochentransplantat ist körpereigener Knochen, der beim selben Patienten an einer Entnahmestelle gewonnen und an den Ort des Knochendefekts – meist den Kieferkamm vor einer Implantation – verpflanzt wird. Weil der übertragene „Eigenknochen“ genetisch identisch mit dem Empfängergewebe ist, löst er keine Abstoßungsreaktion aus und bringt lebende Knochenzellen mit. In der Systematik der Knochenersatzmaterialien bildet er neben dem menschlichen Spenderknochen, dem tierischen und dem synthetischen Material die vierte Hauptklasse und gilt als Goldstandard, an dem sich alle übrigen Materialklassen messen lassen.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Auf einen Blick
- Autologer Knochen ist körpereigener Knochen des Patienten, der von einer Entnahmestelle an den Defektort verpflanzt wird – er stammt weder von einem menschlichen Spender noch von einem Tier.
- Er ist das einzige Augmentationsmaterial, das zugleich osteogen, osteoinduktiv und osteokonduktiv wirkt, und gilt deshalb als Goldstandard.
- Die Entnahme erfolgt intraoral (retromolar/Ramus, Kinn/Symphyse, Tuber) oder – bei sehr großen Defekten – extraoral (Beckenkamm, Schädelkalotte, Tibia).
- Wesentlicher Nachteil ist die Entnahmestellen-Morbidität: Es entsteht ein zweites Operationsgebiet mit eigenem Beschwerde- und Komplikationsrisiko, und die verfügbare Menge ist begrenzt.
- Häufig wird körpereigener Knochen als Komposit-Transplantat mit einem Ersatzmaterial kombiniert, um Volumen zu strecken und die Resorption zu bremsen.
Herkunft und Entnahme
Anders als bei allen anderen Materialklassen wird der Knochen für ein autologes Transplantat nicht aus einem Vorrat entnommen, sondern in derselben Sitzung frisch beim Patienten gewonnen. Die Wahl der Entnahmestelle richtet sich nach der benötigten Menge, der gewünschten Knochenqualität und dem Ausmaß des Eingriffs. Grundsätzlich unterscheidet man Entnahmestellen innerhalb der Mundhöhle von solchen außerhalb.
Intraorale Entnahmestellen liegen im Kieferbereich und lassen sich in derselben Operation wie die Augmentation erreichen. Am häufigsten werden der aufsteigende Unterkieferast (retromolar/Ramus) und die Kinnregion (Symphyse) genutzt; auch der Tuber im hinteren Oberkiefer kommt für kleinere Mengen infrage. Der Vorteil liegt darin, dass Entnahme- und Empfängerregion nah beieinander liegen und kein zweiter Körperbereich einbezogen werden muss. Extraorale Entnahmestellen liefern deutlich größere Volumina und kommen bei ausgedehnten Defekten zum Einsatz: Der Beckenkamm ist die klassische Quelle für große Mengen spongiösen und kortikalen Knochens, daneben werden die Schädelkalotte und das Schienbein (Tibia) genutzt. Diese Eingriffe erfordern in der Regel eine Operation unter stationären Bedingungen.
Je nach Defekt wird der Knochen als kompakter Block oder als partikuläres (zerkleinertes) Material übertragen. Ein Knochenblock wird mit einer speziellen Säge oder einem Trepanbohrer gewonnen und am Empfängerort mit Osteosyntheseschrauben fixiert; er eignet sich für den Wiederaufbau stark geschrumpfter Kieferabschnitte. Partikuläres Transplantat wird mit einem Knochenschaber (Bone Scraper), einem Knochenfilter aus dem Absaugsystem oder einer Knochenmühle gewonnen und lässt sich gut an unregelmäßige Konturen anmodellieren. Häufig werden beide Formen kombiniert – ein Block liefert die Stützstruktur, partikuläres Material füllt die Randbereiche.
Eigenschaften
Die Sonderstellung des körpereigenen Knochens beruht darauf, dass er als einziges Material alle drei biologischen Grundmechanismen der Knochenheilung in sich vereint – die sogenannte Osteo-Trias. Osteogen bedeutet, dass mit dem Transplantat vitale knochenbildende Zellen übertragen werden, die selbst neuen Knochen bilden können. Osteoinduktiv beschreibt die Fähigkeit, über Wachstumsfaktoren wie die knochenbildenden Proteine (BMP) körpereigene Vorläuferzellen zur Knochenneubildung anzuregen. Osteokonduktiv heißt, dass das mineralische Gerüst als Leitstruktur dient, entlang derer neuer Knochen einwächst. Kein aufbereitetes Spender-, Tier- oder Kunstmaterial erreicht diese Kombination: Sie sind bestenfalls osteoinduktiv und osteokonduktiv, aber niemals osteogen, weil ihnen die lebenden Zellen fehlen.
Aus dieser biologischen Vollausstattung ergibt sich die schnelle und zuverlässige Einheilung: Der übertragene Knochen wird über Monate umgebaut und schrittweise in ortsständigen, belastbaren Eigenknochen überführt, der ein Zahnimplantat dauerhaft tragen kann. Zwischen kortikalem (dichtem) und spongiösem (schwammartigem) Anteil bestehen dabei Unterschiede – spongiöser Knochen ist zellreicher und heilt rascher ein, kortikaler Knochen liefert mechanische Stabilität und widersteht der Resorption länger.
Vergleich der Materialklassen
Die folgende Übersicht ordnet den autologen Knochen in die vier Hauptklassen der Knochenersatzmaterialien ein. Die Angaben zu Herkunft und biologischen Eigenschaften kennzeichnen die grundsätzlichen Unterschiede; das tatsächliche Verhalten hängt zusätzlich von Produkt, Aufbereitung und Anwendungsgebiet ab. Auffällig ist, dass der autologe Knochen als einzige Klasse alle drei Osteo-Eigenschaften mitbringt.
| Materialklasse | Herkunft | Osteo-Eigenschaften | Resorption | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|---|---|
| Autolog (Eigenknochen) | Körpereigener Knochen des Patienten | osteogen, osteoinduktiv und osteokonduktiv | wird umgebaut und in Eigenknochen überführt | höchste biologische Aktivität, keine Abstoßung, Goldstandard | zweiter Eingriff an der Entnahmestelle, begrenzte Menge |
| Allogen | Menschlicher Spender (Gewebebank) | osteokonduktiv, je nach Aufbereitung osteoinduktiv | wird umgebaut und ersetzt | kein zweiter Eingriff, gute Verfügbarkeit | Materialaufwand, sehr geringes Restrisiko biologischer Herkunft |
| Xenogen | Tierischer Ursprung (meist Rind) | osteokonduktiv | sehr langsam, oft nur teilweise | formstabiles Volumen, langjährige Erfahrung | keine Eigenaktivität, verbleibt lange im Gewebe |
| Alloplastisch | Synthetisch hergestellt | osteokonduktiv | je nach Material einstellbar (z. B. β-TCP schneller, HA sehr langsam) | unbegrenzt verfügbar, kein biologisches Risiko | rein passives Leitgerüst, keine biologische Aktivität |
Die aufbereiteten Alternativen sind ausführlich in den Beiträgen zum allogenen Knochenersatzmaterial und zum xenogenen Knochenersatzmaterial dargestellt. In der Praxis wird der Goldstandard häufig mit einem dieser Materialien kombiniert, um dessen Volumenstabilität mit der biologischen Potenz des Eigenknochens zu verbinden.
Vorteile und Nachteile
Der entscheidende Vorteil des autologen Knochens ist seine unübertroffene biologische Qualität. Weil er körpereigen ist, kommt es weder zu Abstoßungsreaktionen noch zur Übertragung von Krankheitserregern durch ein fremdes Präparat. Die mitgebrachten vitalen Zellen und Wachstumsfaktoren führen zu einer schnellen, vorhersagbaren Einheilung und einem stabilen Knochenneubau. Genau aus diesen Gründen dient körpereigener Knochen in Studien als Referenzmaterial, an dem sämtliche Ersatzmaterialien gemessen werden.
Dem stehen gewichtige Nachteile gegenüber. Der wichtigste ist die Entnahmestellen-Morbidität: Es entsteht ein zweites Operationsgebiet mit eigener Wunde, eigenem Schmerz- und Schwellungsrisiko und möglichen Komplikationen. Bei der Entnahme aus der Kinnregion können vorübergehende oder bleibende Sensibilitätsstörungen an Zähnen, Lippe und Kinn auftreten; retromolare Entnahmen sind diesbezüglich meist schonender. Eine Entnahme aus dem Beckenkamm bedeutet einen stationären Eingriff mit Wundschmerz und zeitweiligen Geh- und Belastungsbeschwerden. Hinzu kommen die begrenzte verfügbare Knochenmenge, die Gefahr einer teilweisen Resorption des transplantierten Blocks im Verlauf sowie die insgesamt längere und aufwendigere Operation. Die Abwägung zwischen bestmöglicher biologischer Qualität und zusätzlicher Belastung durch die Entnahme steht deshalb bei jeder Indikationsstellung im Mittelpunkt.
Anwendungsgebiete
Autologer Knochen wird überall dort bevorzugt, wo besonders hohe Anforderungen an die Regeneration bestehen. Typische Einsatzgebiete sind große und mehrwandige Defekte, bei denen ein rein passives Ersatzmaterial an seine Grenzen stößt. Bei der horizontalen und vertikalen Augmentation des Kieferkamms liefern Knochenblöcke die nötige Stützstruktur, um verloren gegangene Breite und Höhe wieder aufzubauen. Auch beim Sinuslift, bei dem der Boden der Kieferhöhle angehoben und der entstehende Raum aufgefüllt wird, kann körpereigener Knochen – oft als Komposit mit einem Ersatzmaterial – verwendet werden.
Bei ausgedehnter Kammrekonstruktion nach Zahnverlust, Unfall oder Tumorbehandlung ist der Eigenknochen häufig die Methode der Wahl, weil er auch in anspruchsvollen Ausgangssituationen zuverlässig einheilt. Für die gedeckte Einheilung wird der Aufbau in vielen Fällen mit einer Membran im Sinne der gesteuerten Knochenregeneration (GBR) abgedeckt. Bei kleineren horizontalen Defekten kann körpereigener Knochen auch mit knochenspaltenden Verfahren kombiniert werden, um den Kamm zu verbreitern.
Kosten und Kassenleistung
Ein autologes Knochentransplantat ist keine eigenständige Behandlung, sondern setzt sich aus mehreren Leistungen zusammen: dem eigentlichen Aufbau, der Gewinnung des Knochens an der Entnahmestelle sowie Begleitleistungen wie Membran, Materialien und Operationszuschlägen. Bei Privatabrechnung bildet die Gebührenordnung für Zahnärzte den Aufbau über die Ziffer GOZ 9100 (Aufbau des Alveolarfortsatzes durch Augmentation, je Kieferhälfte oder Frontzahnbereich) ab. Die Gewinnung eines körpereigenen Transplantats wird zusätzlich über die intraorale Entnahmeziffer GOZ 9140 und – bei eigenständig zu fixierenden Knochenblöcken – über die Stabilisierungsziffer GOZ 9150 berechnet. Bei einem Punktwert von 5,62421 Cent ergeben sich je nach Steigerungsfaktor die folgenden Honorare für diese Positionen:
| GOZ-Position | Punktzahl | 2,3-fach | 3,5-fach | 5,0-fach |
|---|---|---|---|---|
| GOZ 9100 – Aufbau des Alveolarfortsatzes | 2.694 | 348,49 € | 530,31 € | 757,58 € |
| GOZ 9140 – Intraorale Transplantatentnahme | 650 | 84,08 € | 127,95 € | 182,79 € |
| GOZ 9150 – Fixierung/Stabilisierung des Transplantats | 675 | 87,32 € | 132,87 € | 189,82 € |
Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.
In der Summe liegt das reine Honorar für den Aufbau mit Eigenknochenblock (GOZ 9100 + 9140 + 9150) je nach Schwierigkeit etwa zwischen 520 € und 1.130 €. Zusammen mit Membran, Materialien und Operationszuschlägen ergeben sich für einen Knochenblock aus Eigenknochen Gesamtkosten von rund 910 € im einfachen, 1.305 € im mittleren und 1.775 € im aufwendigen Fall. Ein Beckenkammtransplantat ist ein Sonderfall: Der stationäre Eingriff im Klinik-Operationssaal wird über eine Analogberechnung abgebildet und beginnt bei etwa 5.900 €. Bei Erwachsenen ist der Knochenaufbau in der Regel eine Privatleistung; die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt ihn üblicherweise nicht. Eine ausführliche Aufschlüsselung enthält die Übersicht Was kostet ein Knochenaufbau für Implantate; die genaue Höhe wird stets im individuellen Heil- und Kostenplan festgelegt.
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- Sakkas A, Wilde F, Heufelder M, Winter K, Schramm A. Autogenous bone grafts in oral implantology—is it still a „gold standard“? A consecutive review of 279 patients with 456 clinical procedures. International Journal of Implant Dentistry. 2017. doi:10.1186/s40729-017-0084-4
- Albrektsson T, Johansson C. Osteoinduction, osteoconduction and osseointegration. European Spine Journal. 2001. doi:10.1007/s005860100282
- Pikos MA. Intraoral Grafting Donor Sites for Endosseous Implants. Implant Dentistry. 1997. doi:10.1097/00008505-199700610-00016
- Cordaro L, Amadé DS, Cordaro M. Clinical results of alveolar ridge augmentation with mandibular block bone grafts in partially edentulous patients prior to implant placement. Clinical Oral Implants Research. 2002. doi:10.1034/j.1600-0501.2002.130113.x
- Nkenke E, Schultze-Mosgau S, Radespiel-Tröger M, Kloss F, Neukam FW. Morbidity of harvesting of chin grafts: a prospective study. Clinical Oral Implants Research. 2001. doi:10.1034/j.1600-0501.2001.120510.x
- Nkenke E, Radespiel-Tröger M, Wiltfang J, Schultze-Mosgau S, Winkler G, Neukam FW. Morbidity of harvesting of retromolar bone grafts: a prospective study. Clinical Oral Implants Research. 2002. doi:10.1034/j.1600-0501.2002.130511.x
- Nkenke E, Weisbach V, Winckler E, Kessler P, Schultze-Mosgau S, Wiltfang J, Neukam FW. Morbidity of harvesting of bone grafts from the iliac crest for preprosthetic augmentation procedures: a prospective study. International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery. 2004. doi:10.1054/ijom.2003.0465
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