Lexikon
Aufbissschiene
Aufbissschiene ist der deutsche Oberbegriff – ein Sammelbegriff – für herausnehmbare Aufbissbehelfe aus Kunststoff, die individuell im zahntechnischen Labor gefertigt werden und die Kauflächen eines Kiefers bedecken. Der Begriff meint kein einzelnes Gerät: Unter ihm werden mehrere Schienentypen zusammengefasst, die sich weniger in ihrem Aussehen als in ihrem therapeutischen Ziel unterscheiden. Ob eine Schiene die Zähne vor Abrieb schützen, die Kaumuskulatur entspannen oder den Unterkiefer in eine neue Position führen soll, bestimmt die Diagnose – und damit, welcher Typ zum Einsatz kommt. Allen Bauformen gemeinsam ist, dass sie zwischen die Zahnreihen greifen, die Kräfte des Kausystems umlenken und als reversible, nicht-invasive Maßnahme jederzeit wieder abgesetzt werden können. Sie berühren die Themen Bruxismus und Okklusion, wirken aber symptomatisch und ersetzen keine Ursachenbehandlung.
Auf einen Blick: „Aufbissschiene“ ist ein Oberbegriff, kein Einzelgerät. Man unterscheidet drei Typen nach Behandlungsziel: die Knirscher- bzw. Schutzschiene (schützt die Zähne bei Zähneknirschen), die Relaxierungs- bzw. Stabilisierungsschiene (löst muskuläre Verspannungen und entlastet das Kiefergelenk, etwa bei CMD) und die Positionierungsschiene (lagert den Unterkiefer gezielt um und setzt eine instrumentelle Funktionsanalyse voraus). Welcher Typ passt, entscheidet die Diagnose.

Typen nach Behandlungsziel
Die folgende Übersicht ordnet die drei zentralen Schienentypen ihrem jeweiligen Behandlungsziel zu. Der Schienentyp in der linken Spalte führt jeweils zum ausführlichen Einzelbeitrag mit Material, Herstellung und Studienlage.
| Schienentyp | Therapeutisches Ziel | Voraussetzung / Besonderheit |
|---|---|---|
| Knirscher- / Schutzschiene | Schutz der Zahnhartsubstanz und vorhandener Restaurationen vor Abrieb bei Bruxismus; ein begleitender Relaxationseffekt ist möglich | vollbedeckende, harte Schiene; Standardindikation bei nächtlichem Knirschen und Pressen |
| Relaxierungs- / Stabilisierungsschiene (Michigan) | muskuläre Verspannungen lösen, das Kiefergelenk entlasten und eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) behandeln | vollbedeckend mit adjustierter Oberfläche und gleichmäßig verteilten Kontakten |
| Positionierungs- / Repositionierungsschiene | therapeutische Umlagerung des Unterkiefers in eine definierte Zielposition | setzt eine instrumentelle Funktionsanalyse voraus (etwa Axiographie bzw. Kondylographie) |
Gemeinsame Merkmale
Trotz unterschiedlicher Ziele teilen alle Typen dieselbe Grundlage. Als Werkstoff dient zahnärztlicher Kunststoff in harter oder weicher Ausführung; harte Schienen (meist aus PMMA oder lichthärtendem Kunstharz) lassen sich präziser einschleifen als weiche, thermoplastische Behelfe. Man unterscheidet zudem adjustierte Oberflächen mit individuell eingeschliffenen, gleichmäßigen Kontakten von nicht-adjustierten Konfektionsbehelfen.
Die Herstellung beginnt mit einer Abformung – klassischer Abdruck oder digitaler Intraoralscan – und führt über das Labor oder die computergestützte CAD/CAM- und 3D-Druck-Fertigung zur eingegliederten Schiene. Entscheidend bleibt der Feinschliff am Behandlungsstuhl sowie die anschließende Pflege und regelmäßige Kontrolle. Die konkrete Ausgestaltung – Material, Ausdehnung, Tragedauer und Wirksamkeit – behandeln die drei verlinkten Einzelbeiträge.
Kosten und Kassenleistung
Privatzahnärztlich wird das Eingliedern eines Aufbissbehelfs mit adjustierter Oberfläche nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ), Nummer 7010 mit 800 Punkten, berechnet. Bei einem Punktwert von 5,62421 Cent ergeben sich je nach Steigerungsfaktor die folgenden Honorare (ohne Material- und Laborkosten):
| GOZ-Nr. 7010 (800 Punkte) | Honorar |
|---|---|
| 2,3-facher Satz | 103,49 € |
| 3,5-facher Satz | 157,48 € |
| 5,0-facher Satz | 224,97 € |
Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung — auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz — bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ. Hinzu kommen Material- und Laborkosten. Bei der Positionierungsschiene kommt regelmäßig eine positionsbezogene Funktionsanalyse hinzu, die über die GOZ-Nummern des Abschnitts J (Block 8000–8100) gesondert berechnet wird. Ob und in welchem Umfang die gesetzliche Krankenkasse (GKV) eine Schiene übernimmt, richtet sich nach der dokumentierten medizinischen Notwendigkeit; bei entsprechender Indikation ist eine adjustierte Schiene grundsätzlich Kassenleistung.
Welcher Typ bei welcher Beschwerde?
Der passende Wegweiser richtet sich nach dem Behandlungsziel:
- Zähne schützen bei Knirschen und Pressen: zur Knirscherschiene und zur Ratgeberseite Zähneknirschen (Bruxismus).
- Muskulatur entspannen und das Kiefergelenk entlasten (CMD): zur Relaxierungsschiene und zur Ratgeberseite CMD – Craniomandibuläre Dysfunktion. Verwandt sind die Lexikonbegriffe Kiefergelenk und Kiefergelenksarthrose.
- Unterkiefer gezielt umlagern: zur Positionierungsschiene, die eine instrumentelle Funktionsanalyse voraussetzt.
IMPLANTAT-SPEZIALISTEN IN IHRER NÄHE
Literatur
Literatur und Quellenangaben
- AWMF-Leitlinie 083-051: Diagnostik und Behandlung des Bruxismus. S3-Leitlinie, Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT). register.awmf.org.
- AWMF-Leitlinie 083-027: Zahnärztliche Funktionsdiagnostik und -therapie bei muskuloskelettalen Dysfunktionen. register.awmf.org.
- Riley P, Glenny AM, Worthington HV, et al. Oral splints for temporomandibular disorder or bruxism: a systematic review. British Dental Journal. 2020. DOI: 10.1038/s41415-020-1250-2
- Macedo CR, Silva AB, Machado MAC, Saconato H, Prado GF. Occlusal splints for treating sleep bruxism (tooth grinding). Cochrane Database of Systematic Reviews. 2007. DOI: 10.1002/14651858.CD005514.pub2
- Al-Ani MZ, Davies SJ, Gray RJM, Sloan P, Glenny AM. Stabilisation splint therapy for temporomandibular pain dysfunction syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2004. DOI: 10.1002/14651858.CD002778.pub2
- Zhang C, Wu JY, Deng DL, et al. Efficacy of splint therapy for the management of temporomandibular disorders: a meta-analysis. Oncotarget. 2016. DOI: 10.18632/oncotarget.13059
- Seifeldin SA, Elhayes KA. Soft versus hard occlusal splint therapy in the management of temporomandibular disorders (TMDs). The Saudi Dental Journal. 2015. DOI: 10.1016/j.sdentj.2014.12.004
- Lobbezoo F, Ahlberg J, Raphael KG, et al. International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. Journal of Oral Rehabilitation. 2018. DOI: 10.1111/joor.12663
- Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ), Anlage 1 – Gebührenverzeichnis, Abschnitt H (Nr. 7010) und Abschnitt J (Funktionsanalyse, Block 8000–8100). gesetze-im-internet.de.
Aktualisiert am:
Verantwortlicher Autor
