Lexikon

Airflow (Pulverstrahlreinigung)

Airflow ist streng genommen ein eingetragener Markenname der Firma EMS (Electro Medical Systems) und bezeichnet deren Geräte zur Pulverstrahlreinigung. Im Alltag hat sich der Begriff jedoch als generische Bezeichnung für das gesamte Verfahren eingebürgert – ähnlich wie „Tempo“ für Papiertaschentücher. Fachlich korrekt heißt die Methode Pulverstrahlreinigung oder Air-Polishing: Ein fein dosierter Strahl aus Druckluft, Wasser und einem speziellen Reinigungspulver löst weiche Beläge, bakteriellen Biofilm und oberflächliche Verfärbungen von den Zahnoberflächen ab.

Air-Polishing ist damit kein eigenständiges Behandlungskonzept, sondern ein Arbeitsschritt innerhalb der professionellen Zahnreinigung und der unterstützenden Parodontitistherapie. Neben EMS bieten mehrere Hersteller vergleichbare Pulverstrahlgeräte an; „Airflow“ steht sprachlich stellvertretend für sie alle. Ein wichtiger Punkt vorweg: Die Pulverstrahlreinigung entfernt Biofilm und Verfärbungen, sie ersetzt aber nicht die Entfernung von hartem Zahnstein – dafür sind weiterhin Handinstrumente oder Ultraschall nötig.

Handstück eines Dental-Pulverstrahlgeräts (Air-Polishing) mit Düsenaufsatz zur Zahnreinigung
Handstück eines Pulverstrahlgeräts: Über die feine Düse tritt der Strahl aus Druckluft, Wasser und Reinigungspulver aus.

Funktionsprinzip: Luft, Wasser und Pulver

Ein Pulverstrahlgerät funktioniert im Prinzip wie ein sehr fein regulierter Sandstrahler. In einem Handstück werden drei Komponenten zusammengeführt: Druckluft beschleunigt kleine Pulverpartikel, ein zugeführter Wasserstrahl umhüllt das Gemisch, kühlt und bindet einen Teil des Aerosols. Dieser Strahl wird über eine feine Düse auf die Zahnoberfläche gerichtet. Die auftreffenden Partikel stören und lösen den bakteriellen Biofilm mechanisch, das Wasser spült die gelösten Beläge fort. Weil der Strahl auch enge Zahnzwischenräume, Fissuren und schwer erreichbare Flächen erfasst, gilt das Verfahren als besonders effizient bei der großflächigen Biofilmentfernung.

Für die Reinigung oberhalb des Zahnfleischsaums genügt eine gerade Standarddüse. Für den Bereich unterhalb des Zahnfleischrands – innerhalb der Zahnfleischtasche – wurden spezielle, flexible Düsen entwickelt, die das Pulver-Wasser-Gemisch gezielt und mit reduziertem Druck in die Tiefe der Tasche einbringen. Erst diese Kombination aus feiner Düse und niedrig abrasivem Pulver hat die Pulverstrahlreinigung für die subgingivale Anwendung nutzbar gemacht; mit den ursprünglichen groben Pulvern und geraden Düsen war das nicht möglich.

Funktionsprinzip der Pulverstrahlreinigung: Aus einem Handstück tritt ein Strahl aus Druckluft, Wasser und Pulver aus und löst Biofilm und Verfärbungen vom Zahn
Funktionsprinzip der Pulverstrahlreinigung: Im Handstück werden Druckluft, Wasser und Pulver zu einem Strahl vereint, der Biofilm und Verfärbungen von der Zahnoberfläche ablöst.

Auf einen Blick

  • „Airflow“ ist der Markenname (EMS) für die Pulverstrahlreinigung (Air-Polishing); das Verfahren gibt es von mehreren Herstellern.
  • Ein Strahl aus Luft, Wasser und Pulver entfernt Biofilm und Verfärbungen – aber keinen harten Zahnstein.
  • Moderne, niedrig abrasive Pulver (Glycin, Erythrit) erlauben auch die Reinigung unterhalb des Zahnfleischrands und an Implantaten.
  • Studien zeigen: bei der Biofilmentfernung vergleichbar wirksam wie herkömmliche Instrumente und für viele Patienten angenehmer.
  • In der Regel Teil der privat zu zahlenden PZR – überwiegend Selbstzahlerleistung.

Die Pulverarten und ihre Unterschiede

Entscheidend für Wirkung und Schonung ist das verwendete Pulver. Historisch wurde ausschließlich Natriumbicarbonat (Natron) eingesetzt – ein vergleichsweise grobes und hartes Pulver, das Verfärbungen zuverlässig entfernt, für weiche Oberflächen wie freiliegendes Wurzeldentin, Zahnschmelz im Randbereich und das Zahnfleisch aber zu abrasiv ist. Es eignet sich daher nur für die Anwendung oberhalb des Zahnfleischsaums. Mit der Einführung feiner, niedrig abrasiver Pulver auf Basis der Aminosäure Glycin und später des Zuckeraustauschstoffs Erythrit wurde die Pulverstrahlreinigung deutlich schonender – und erstmals auch für den empfindlichen Bereich unterhalb des Zahnfleischrands und für Implantatoberflächen geeignet.

PulverAbrasivitätEinsatzbereichTypische Anwendung
Natriumbicarbonat (Natron)Hoch – relativ grobe, harte PartikelNur supragingival (oberhalb des Zahnfleischs)Entfernung hartnäckiger Verfärbungen durch Kaffee, Tee, Rotwein oder Tabak am Zahnschmelz
Glycin (Aminosäure)Niedrig – deutlich feinere PartikelSupra- und subgingival, an ImplantatenBiofilmentfernung, auch in Zahnfleischtaschen und an schwer erreichbaren Flächen
Erythrit (Zuckeraustauschstoff)Sehr niedrig – sehr feines PulverSupra- und subgingival, an ImplantatenBiofilm in sensiblen Bereichen, Erhaltungstherapie, Implantatnachsorge

Die feineren Pulver haben die klassische Kürettage und Politur bei der reinen Biofilmkontrolle in vielen Situationen ergänzt oder ersetzt, weil sie die Zahnhartsubstanz und das Weichgewebe schonen. Für die Entfernung fester Ablagerungen wie Konkremente bleiben mechanische Instrumente jedoch unverzichtbar – das Pulver löst nur weiche und lockere Beläge.

Anwendungsgebiete und Indikationen

Die Pulverstrahlreinigung wird heute in mehreren klinischen Situationen eingesetzt:

  • Biofilm- und Verfärbungsentfernung: Im Rahmen der professionellen Zahnreinigung löst das Verfahren weiche Beläge und oberflächliche Verfärbungen großflächig und effizient.
  • Kieferorthopädie: Bei festsitzenden Zahnspangen ist die Reinigung um Brackets und Bänder mit Handinstrumenten aufwendig – der Pulverstrahl erreicht die Nischen deutlich leichter.
  • Subgingivale Reinigung: Mit speziellen Düsen und niedrig abrasiven Pulvern lässt sich Biofilm auch unterhalb des Zahnfleischsaums entfernen – ergänzend zur klassischen subgingivalen Reinigung in der Parodontitistherapie und ‑nachsorge.
  • Implantatnachsorge: Glycin- und Erythritpulver gelten als schonend genug für Implantatoberflächen und werden bei der Behandlung der periimplantären Mukositis eingesetzt.

Was die Evidenz zeigt: Nutzen und Grenzen

Die Werbung vieler Praxen stellt Air-Polishing als überlegene „Revolution“ dar. Die wissenschaftliche Datenlage ist nüchterner, aber durchaus positiv. Für die subgingivale Biofilmentfernung zeigen systematische Übersichtsarbeiten mit Meta-Analyse, dass niedrig abrasive Pulver (Glycin, Erythrit) zu vergleichbaren klinischen Ergebnissen führen wie die herkömmliche Instrumentierung mit Hand- oder Ultraschallgeräten: Sondierungstiefen, Attachmentniveau und Blutungsneigung verbessern sich in ähnlichem Umfang. Ein grundsätzlicher Vorteil der einen oder anderen Methode für die Biofilmkontrolle lässt sich daraus nicht ableiten – wohl aber, dass Air-Polishing eine gleichwertige, gewebeschonende Ergänzung darstellt.

Auch zwischen den verschiedenen Pulverarten sind die Unterschiede klein: Eine Meta-Analyse randomisierter Studien, die Erythrit, Glycin und Trehalose als subgingivale Pulver in der nichtchirurgischen Parodontitistherapie verglich, fand bei den zentralen Messgrößen keinen statistisch bedeutsamen Unterschied – Erythrit schnitt tendenziell etwas günstiger ab, ohne klare Überlegenheit. Für die Praxis heißt das: Die Wahl des Pulvers richtet sich vor allem nach Einsatzbereich (supra- oder subgingival) und Schonungsbedarf, nicht nach einem behaupteten Wirkvorsprung eines Produkts.

Ein konsistent belegter Vorzug betrifft das Patientenempfinden: Eine systematische Übersicht zur Wahrnehmung parodontaler Behandlungen fand, dass die Pulverstrahlreinigung von vielen Patienten als angenehmer empfunden wird als die klassische Instrumentierung. Zusammen mit der geringeren Schädigung der Wurzeloberfläche und des Weichgewebes ist das ein realer, kein bloß werblicher Nutzen. Übersichtsarbeiten weisen zudem darauf hin, dass die schonende Reinigung die parodontalen Strukturen weniger belastet und dadurch günstige Voraussetzungen für die Ausheilung des Zahnfleischsaums schaffen kann.

Die Grenzen sind ebenso klar: Air-Polishing entfernt keinen harten Zahnstein und keine Konkremente – diese müssen weiterhin mechanisch abgetragen werden. Für die periimplantäre Mukositis wird die Pulverstrahlreinigung als eine Option der nichtchirurgischen Nachsorge eingesetzt; systematische Übersichten zeigen zwar eine Verbesserung der Entzündungszeichen, die Datenlage ist jedoch begrenzt und uneinheitlich, und eine vollständige Ausheilung gelingt nicht immer. Air-Polishing ist also ein wertvolles Werkzeug in einem Gesamtkonzept – kein Ersatz für die vollständige professionelle Zahnreinigung oder die systematische Parodontitistherapie.

Risiken, Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Bei sachgerechter Anwendung gilt die Pulverstrahlreinigung als sicher. Es gibt jedoch relevante Risiken und Situationen, in denen das Verfahren nicht oder nur eingeschränkt angewendet werden sollte:

  • Weichteilemphysem (Luftemphysem): Die seltenste, aber ernsteste Komplikation. Wird der luftgetriebene Strahl – vor allem mit subgingivalen Düsen – ungünstig in das Gewebe gerichtet, kann Luft in die Weichgewebe von Wange, Hals oder tieferen Räumen eindringen. In der Fachliteratur sind solche Fälle als Kasuistiken dokumentiert; sie erfordern ärztliche Beobachtung. Deshalb sind Düsenführung und Gerätehandhabung entscheidend.
  • Weichgewebe- und Hartsubstanzabtrag: Grobe Pulver wie Natriumbicarbonat können bei falscher Anwendung Zahnfleisch reizen und weiche Oberflächen (freiliegendes Dentin, Wurzelzement, Kunststofffüllungen) angreifen. Niedrig abrasive Pulver mindern dieses Risiko.
  • Aerosolbildung und Atemwege: Während der Behandlung entsteht ein feines Aerosol. Bei schweren, instabilen Atemwegserkrankungen wird das Verfahren mit Zurückhaltung eingesetzt.
  • Ernährungshinweis: Natriumbicarbonathaltige Pulver sind für Personen mit streng natriumarmer Diät ungeeignet; hier kommen glycin- oder erythritbasierte Pulver zum Einsatz.

Vor der Behandlung klärt das Praxisteam solche Vorerkrankungen im Anamnesegespräch ab und wählt Pulver und Technik entsprechend. Die genannten Komplikationen sind bei geschulter Anwendung selten.

Ablauf in der Praxis

In der Regel ist Air-Polishing ein Baustein der professionellen Zahnreinigung und läuft in mehreren Schritten ab. Zunächst werden Beläge und der Zustand von Zahnfleisch und Zähnen beurteilt. Feste Ablagerungen und Zahnstein werden mit Ultraschall- oder Handinstrumenten entfernt, da der Pulverstrahl diese nicht abträgt. Anschließend folgt die eigentliche Pulverstrahlreinigung: Mit gleichmäßigen Bewegungen wird der Strahl über die Zahnflächen, in die Zahnzwischenräume und – mit geeignetem Pulver und Spezialdüse – bei Bedarf in die Zahnfleischtaschen geführt. Zum Abschluss werden die Zähne gespült, oft poliert und mit Fluorid versehen. Die Behandlung ist meist nicht schmerzhaft und kommt in vielen Fällen ohne Betäubung aus; empfindliche Patienten können ein kühles oder leicht raues Gefühl verspüren.

Kosten und Kassenleistung

Air-Polishing hat keine eigene Abrechnungsziffer, sondern ist Bestandteil der professionellen Zahnreinigung (PZR) oder der Parodontitistherapie. Die PZR ist für gesetzlich Versicherte grundsätzlich keine Regelleistung der Krankenkasse, sondern eine privat zu zahlende Leistung – Air-Polishing ist damit überwiegend eine Selbstzahlerleistung. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt lediglich die einmal jährliche Entfernung harter Zahnbeläge (Zahnsteinentfernung nach BEMA), nicht aber die vollständige professionelle Zahnreinigung mit Pulverstrahltechnik. Viele Kassen gewähren allerdings freiwillig einen Zuschuss oder Bonus.

Privat wird die PZR nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) abgerechnet – und zwar je Zahn, nicht als Pauschale. Maßgeblich ist die GOZ-Nr. 1040 („Professionelle Zahnreinigung; je Zahn, je Implantat, auch Brückenglied“) mit einer Bewertung von 28 Punkten. Der Eurobetrag ergibt sich aus dem GOZ-Punktwert von 5,62421 Cent, multipliziert mit der Punktzahl und dem Steigerungsfaktor:

GOZ-Nr. (Punktzahl)2,3-fach3,5-fach5,0-fach
1040 – Professionelle Zahnreinigung, je Zahn/Implantat (28 P.)3,62 €5,51 €7,87 €

Der Gebührenrahmen endet beim 3,5-fachen Satz (§ 5 Abs. 1 GOZ); jede darüber hinausgehende Vergütung – auch der hier ausgewiesene 5,0-fache Satz – bedarf einer schriftlichen Vereinbarung nach § 2 GOZ.

Die Beträge gelten pro gereinigtem Zahn. Bei einem vollständigen Gebiss summiert sich die PZR daher üblicherweise auf einen zwei- bis dreistelligen Gesamtbetrag; der konkrete Steigerungsfaktor innerhalb der Spanne richtet sich nach Aufwand und Schwierigkeit und wird im Heil- und Kostenplan ausgewiesen. Ob im Einzelfall ausschließlich Air-Polishing oder eine Kombination verschiedener Reinigungsschritte durchgeführt wird, ändert nichts an der Abrechnung über die PZR-Position – eine separate „Airflow-Gebühr“ gibt es nicht.

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Literatur

Literatur und Quellenangaben
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