DGI-Master-Reunion: Rot-Weiß-Ästhetik sicher etablieren


Den Organisatoren Dr. Derk Siebers MSc., Dr. Jörn Werdelmann MSc. und Peter Albrecht MSc. war es erneut gelungen, den rund einhundert Teilnehmern international renommierte Referenten zu einem wichtigen Thema zu präsentieren. Im Mittelpunkt der Reunion stand die Rot-Weiß-Ästhetik, die unter verschiedenen Aspekten – implantologischen, parodontalen, prothetischen, zahntechnischen und chirurgischen – beleuchtet wurde. Intensiv wurde die Entscheidung zwischen Implantation und konventioneller Versorgung mit Brücken unter dem Aspekt der roten Ästhetik diskutiert.

Mit zum Teil gegensätzlichen, wenn auch nicht unvereinbaren Ansätzen stellten die Experten ihre jeweiligen Vorgehensweisen vornehmlich bei der ästhetisch anspruchsvollen Versorgung im Frontzahnbereich vor. Unabhängig von ihrem eigenen Standpunkt betonten alle die Notwendigkeit eines schlüssigen, konsequent angewendeten Konzeptes für eine erfolgreiche Therapie.

Auf die Potenz der eigenen Zähne setzen. Grundlage des Konzeptes von Dr. Raphael Borchard, Münster, ist die Definition der parodontalen Ästhetik als gingivadominiert. Gingivaverlauf, eine Papillenhöhe von mindestens drei Millimeter, ein girlandenförmiger Verlauf und Stippelung sind die anzustrebenden bzw. zu erhaltenden Parameter. Um dies zu erreichen, setzt Dr. Borchard in erster Linie auf die Potenz eigener Zähne. Kronen und Brückenversorgungen böten am ehesten die Gewähr für ein ansprechendes Weichteilprofil. Mit Implantaten seien die Parameter – insbesondere der Girlandenverlauf und die minimale Papillenhöhe – schwer zu erreichen. Was im Seitenzahngebiert noch passabel sei, könne im Frontzahnbereich schon inakzeptabel sein. „Mit Implantaten lassen sich Papillenhöhen von 3 mm und mehr nicht sicher erreichen“, so Dr. Borchard. Noch schwieriger sei es bei zwei nebeneinander liegenden Implantaten. Konsequenterweise entscheidet sich der Münsteraner Experte denn auch häufiger für Brückenversorgungen statt für implantologische Konzepte. Wenn Implantate notwendig seien, verwendet er diese dann prothetisch orientiert, mit geringem Durchmesser und quantitativ sparsam. Die Versorgung sollte zum Schutz der Gingiva wenn irgend möglich verschraubt erfolgen. Zur Augmentation (auch bei Implantationen) setzt Dr. Borchard auf die Potenz des Bindegewebes zur Volumenzunahme und zur Schaffung befestigter Gingiva. Wichtigster Faktor hierbei sei eine Reifungszeit von einem halben Jahr. Großen Wert legt der Referent auf die biologische Breite. Diese müsse sowohl um das Implantat als auch um die kronenversorgten Zähne herum eingehalten werden. Kronenverlängerungen bei der Präparation sind damit sein tägliches Geschäft. Sie sollen, so Dr. Borchard, aber nicht zu zaghaft ausgeführt werden.

Sofortimplantation und Sofortversorgung. Eine in vielen Punkten konträre Routine präsentierte Dr. Stefan Paul aus Zürich. Auch er setzt auf die rote Ästhetik als dominierenden Faktor und hält ein strikt eingehaltenes, klares Konzept für die entscheidende Voraussetzung des ästhetischen Erfolges. Allerdings präferiert er eindeutig die Implantation. In der Front setzt der Experte auf die Sofortimplantation und Sofortversorgung. Die erstere erhält die knöchernen Verhältnisse, die letztere die Weichteilverhältnisse inklusive der Papillen. Wichtig hierbei sei, so Dr. Paul, eine nicht zu tiefe Insertion der Implantate; die biologische Breite müsse Beachtung finden. Eine Bindegewebstransplantation ist obligatorisch.

Während die in Knochenkontakt stehende Implantatoberfläche hinlänglich untersucht ist und es keine wesentlichen Unterschiede bei den einzelnen Herstellern gibt, besteht nach Paul noch erheblicher Forschungsbedarf, was die Oberfläche der gingivabedeckten Abutments angeht. Dessen makroskopische und mikroskopische Beschaffenheit seien ebenso wenig erforscht, wie die mögliche Herstellung bioaktiver Auflagerungen. Angeregt durch das skallopierte Design eines nicht mehr am Markt befindlichen Implantatsystems, entwickelte Paul sein Konzept des „One Abutment  – One Time“. Hier markiert ein extrem skallopiertes Abutment (interapproximal 2,5 mm), das in verschiedenen Größen erhältlich ist, die biologische Breite. Die Potenz des Bindegewebes spielt hierbei eine maßgebliche Rolle. Um die bindgewebigen Anteile der biologischen Breite nicht zu verletzen und so zu erhalten werden diese nicht mehr entfernt. Damit soll das Weichteilprofil vorhersagbar erhalten bleiben. Die prothetischen Arbeiten, ob provisorisch oder definitiv, werden mit einer Abflussmöglichkeit für den Zement (venting hole) versehen und zementiert /geklebt.

Der praktische Mittelweg. Dr. Konrad Meyenberg aus Zürich vertrat gegenüber seinen Vorrednern einen eher praktischen Ansatz. Seine Botschaft lautete: „Ohne stringentes Konzept geht gar nichts.“ Auch für ihn hat der eigene Zahn immer Vorrang und wird häufig mit Composite oder auch mit Keramik versorgt. Die Sofortimplantation im Frontzahnbereich hält auch Dr. Meyenberg aus ästhetischen Gründen für angezeigt. Im Seitenzahngebiet präferiert er eher die verzögerte Implantation, sechs bis acht Wochen nach der Extraktion. Hier hält er auch tissue level Implantate aufgrund der geringeren ästhetischen Anforderungen für indiziert. Wegen der möglichen Plaquebesiedelung verzichtet er wenn möglich auf raue Oberflächen am Implantathals und verschraubt die Restaurationen wegen der Risiken, die ein unbemerkter Randspalt bzw. auch kleinste Zementüberschüsse verursachen. Mit Implantaten oder Abutments im „scalloped design“ kann sich Dr. Meyenberg nicht anfreunden. Grund ist die Diffizilität beim korrekten Setzen. Auch ließe sich die Entwicklung des  interapproximalen Knochenniveaus nicht sicher vorhersagen. Ein Platform-switch vergrößere, so betont er, den horizontalen Sprung, den das Abutment auf dem Weg durch die Weichteile überwinden muss. Auf der anderen Seite ist der Vorteil bislang noch nicht nachgewiesen. Im Frontbereich setzt auch dieser Züricher Experte nach erfolgter Bindegewebsaugmentation auf den Faktor Zeit. Ihm zufolge wird eine Front nie fertig, verändert sich ständig. Dementsprechend propagiert er das Konzept des „progressive approach“.

Globale Parameter der Ästhetik. Zahntechnikermeister Hans Joachim Lotz aus Weikersheim beleuchtete abschließend das Thema aus zahntechnischer Sicht. Zumindest was die Versorgung zahnloser Kiefer angeht, bestimmt sich die Ästhetik für Ihn sowohl rot als auch weiß. Seine Darstellung globaler ästhetischer Parameter war sehr umfassend: Oberkieferebene, Gingivaverlauf, orientieren sich an der Oberlippe. Die Unterlippe bestimmt die Zahnlängen, den Zenit der Schneidekanten, den Zenit der Kontaktpunkte, damit die Linie der interproximalen Öffnungen, sowie die Zenitlinie der Papillen. Nachvollziehbar war auch sein Hinweis, dass nicht unbedingt der Unterschied in der Farbe, auf jeden Fall aber der unterbrochene Verlauf der Gingiva eine Krone auffällig werden lässt. Auch die Symmetrie und die Proportion im Seitenverhältnis des einzelnen Zahnes sowie die Proportionen der Zähne untereinander bestimmen wesentlich das Aussehen. Getreu der Erkenntnis, dass Ästhetik immer Funktion zur Voraussetzung hat, stellte Joachim Lotz ein sehr interessantes Konzept zur berührungslosen digitalen Bestimmung der individuellen Kauebene und die Übertragung in den Artikulator vor.

Traditionell wurden die Teilnehmer vom Initiator des Masterststudienganges Prof. Dr. Günter Dhom, Ludwigshafen, begrüßt. Sein Bonbon: Die Neuausrichtung und Erweiterung des Studienganges um die Parodontaltherapie. Für die bisherigen Absolventen der Studiengangs besteht die Möglichkeit des Upgrades. Informationen dazu gibt es unter www.dgi-master.de.

Letzte Aktualisierung am Dienstag, 02. Februar 2016